20km - 1200hm - 2.100hm Abstieg - 13 Std.
Es gibt einen Grund warum man um Mitternacht losgeht.... Der Tag ist mit keinem zuvorigen zu vergleichen. Heute ist all das Training und meine Leistung und Durchhaltefähigkeit gefragt. Eine wirklich lange Tour beginnt jetzt. Nach etwas Popcorn und Kaffe packe ich mit kleinem Tagesrucksack dicke Handschuhe und Daunenjacke sowie 1 Liter heißen Tee und jede Menge Powerriegel ein. Zusammen mit Guide Brighton und Träger Ezron (der freiwillig mitgeht) starten wir in die Nacht. Es ist klar und ich sehe die Sterne über mir, der Schnee ist hart und knirscht beim gehen. Das ist so ziemlich das einzige Geräusch, wobei nein stimmt nicht: Ein Gewitter in der Ferne donnert ab und zu.

Ich muss sagen: Ich fand es wirklich gruselig. Allein würde ich mich da sehr unwohl fühlen in dieser unwirklichen Finsternis. Die Präsenz des Berges spüre ich mit jeder Pore und ich muss ab und zu schlucken. Aber am heftigsten ist natürlich der steile Weg hinauf. Denn die ersten 1000hm zum Gillmans Point sind sehr sehr steil und nehmen einfach kein Ende. Noch folgen wir einer Spur im harten Schnee aber auf ungefähr 5.200m überholen wir dann die Gruppe Schweizer (eine größere Gruppe - sie sind 30min vor uns gestartet). Jetzt wird mir bewusst, dass wir eigenlich zu schnell gehen - ich versuche mich etwas zu bremsen mit meinem Tempo.

Vor den Schweizern ist jetzt keiner mehr... dass wissen wir weil es keine Spur mehr gibt. Und da es die Tage so viel geregnet hatte ist hier jetzt jede Menge Neuschnee gefallen. Das macht den Aufstieg insgesamt umso anspruchsvoller für mich. Brighton stapft vor mir durch den Schnee und singt. Ab und zu jubeln wir und schreien irgendwas in die Dunkelheit. Viele kleine Päusschen machen wir... Irgendwann schalte ich ganz ab und gehe ganz automatisch die endlosen Serpentinen vor mir und fokussiere mich nur noch auf meinen Atem und auf die frischen Tritte von Brighton, denen ich folge. Weiter oben wird es noch steiler und die Kehren immer enger. Bald verläuft der Weg auf doch eher alpinen und unwegsamen Gelände: Ich Erkenne die großen Felswände und Brocken. Niemals wüsste ich wie ich hier gehen muss um nicht in einer Sackgasse zu enden.

Ich vertraue dass Brighton den richtigen Weg kennt aber eigentlich sieht hier alles gleich aus. Mein GPS ist aber konform! Ein paar Stellen muss man höher treten und etwas mit Kraft aufsteigen. Jetzt werden wir richtig langsam - Schneckentempo. Und dann nach fast 4 Stunden sind wir oben am Gillmans Point, dem ersten Kili Gipfel!! Ich bringe kaum einen Ton raus und finde es unfassbar dass wir immer noch weit vom richtigen Ziel entfernt sind, ich mich aber schon so kaputt fühle - Ich denke an die Franzosen, hier haben sie aufgegeben...

Und jetzt wird die Tour die bisher nur anstrengend war wirklich zur Probe! Es ist immer noch stockfinster und schneit - außerdem noch gute 1,5-2 Std. und 200hm bis zum Gipfel. Es wird windiger und kälter, sodass es jetzt nur noch mit der Daunenjacke weitergeht. Wir wandern weiter entlang der gigantischen Caldera des Berges. Da wir uns sozusagen nun auf dem Grat befinden, liegt hier besonders viel Tiefschnee und wir sinken oft etwas ein, deshalb sind wir jetzt noch langsamer als zuvor. Wir brauchen eine ganze Stunde für die 850 Meter Strecke zum Stellapoint, dem nächsten Gipfel. Dann verirren wir uns in einer Wüste aus Schneeverwehungen. Vom Stellapoint gehts dann noch immer ein langes Stück weiter.

Die Strecke zum höchsten Punkt habe ich als pure Willenskraftsprüfung in Erinnerung.. Nochmal 1,5 Stunden stampfen wir weiter in die Dunkelheit. Weitere 1,2 KM. Innerlich hoffe ich einfach endlich das große Schild irgendwo zu sehen und blicke immer wieder auf meine GPS Uhr wie weit es noch sein kann. DIe letzten 50meter sind die konditionell anspruchsvollsten meines Lebens! Wir sehen das Schild vor uns im Nebel aber der Schnee ist so tief, dass ich permanent bis zur Hüfte einsacke. Und ich habe kaum mehr Luft und Kraft mich auszugraben für den nächsten Schritt. Teilweise hab ich da minutenlang nach Luft ringend in einem Loch gestanden und den Gipfel angeglotzt....

Als wir dann endlich da sind nach ganzen 6 Stunden kommen mir die Tränen. Kein Mensch hier oben, ich alleine am höchsten Berg Afrikas. Vorgespurt und einfach so raufgewandert auf den Uhuru Peak! Wir feiern eine Weile und dann beginnt auch endlich der Tag. Auf dem Rückweg reißen endlich die Wolken etwas auf und ich erkenne die weißte große Schneelandschaft um mich herum. Rechts von mir sehe ich gewaltige Eiswände in der Ferne und eigentlich kann ich gar nicht mehr verarbeiten was ich sehe. Ein Wolkenmeer unter mir eine große Sonne und dann... Hunderte Bergaspiranten hinter mir. Wirklich ein nicht enden wollender Menschenzug... und sie alle bedanken sich für unsere Spur. Großartig!


Der Weg zurück zum Gillmanspoint ist schon ziemlich hart aber der Abstieg ganz runter zur Kibo hütte bringt mich dann wirklich an mein absolutes Limit. Denn jetzt spüre ich Kopfschmerzen wie ich sie noch nie zuvor hatte. Das Blut hämmert mir gegen den Schädel so enorm, ich höre nur noch meinen eigenen Puls und es macht mich fertig. Zum Glück ist es möglich direkt steil abzufahren im Schnee, sodass man die ganzen Serpentinen nicht wandern muss - also so schnell wie möglich bergab. Ich weiß gar nicht wie ich mich noch auf den Beinen halten kann so schwindelig ist mir geworden. Ich kann nicht mehr stehen bleiben und gehe schnell weiter. Als mir die Schnürsenkel aufgehen schaffe ich es nicht mehr mich zu bücken um sie zu zubinden. Also so richtig am Limit!

Angekommen and er Kibohut werde ich wieder mit Kuchen und Champaner empfangen. Mehr als ein Stück Kuchen schaffe ich aber nicht zu essen. Dann geben sie mir 1,5 Stunden Schlafenspause, allerdings kann ich bei den extremem Kopfschmerzen fast eine Stunde lang nicht einschlafen, bis irgendwann das Schmerzmittel wirkt. Nach dem Nickerchen machen sie mir etwas Mittagsessen dass ich mir reinzwingen muss. Aber trotzdem fühle ich mich wieder fit! Jetzt gehts wieder die 1000hm weiter runter zurück zur Horombo Hütte.
